Unser Anliegen

(1) VCÖ, Verkehrsclub Österreich, Broschüre „Straßen für Kinder„, 1995

 

(2) ebenda

 

(3) Projekt „Sichere Schulwege„ Stadtteilzirkel Wegesicherheit. Bearbeitung: A. Schlansky, 2003

 

(4) VCÖ, Verkehrsclub Österreich: Straßen für Kinder, Broschüre, 1995

 

(5) Projekt „Sichere Schulwege„ Stadtteilzirkel Wegesicherheit. Bearbeitung: A. Schlansky, 2003

 

(6) Straßenverkehrsrecht, Beck-Text, 31. Auflage, 1995

 

(7) Limbourg, aus: Uta Koppen-Brauns,: Verkehrsunfälle von Grundschülern, s.o.

 

(8) Münchner Stadtgespräche Nr.30 9/2003

 

(9) Gunter Bleyer „zu Fuß zur Schule-Tag, Pressemitteilung, Behörde für Bildung und Sport, Hamburg

 

(10) Begleitbroschüre: Planungsgruppe Vor Ort, Bremen, Heike Wohltmann „Zu Fuß zur Schule„, herausgegeben von FUSS e.V. 2002

 

(11) Bundesministerium für Verkehrs, Bau- und Wohnungswesen. Vom Land Bremen übernommen.

 

(12) Initiiert von Gerd Schwagereit, Vater und Landschaftsplaner, Lange Ackern 25 28279 Bremen und unterstützt vom Elternverein der Grundschule Habenhausen

Einen aktuellen Beitrag zum Thema „Schulwege - Freiraum oder Gefahr für das Kind?“ finden Sie hier anschließend, den sie sich auch downloaden können.

Wir verweisen auf zahlreiche Informationen z.B. über die Einrichtung von Querungshilfen (Zebrastreifen, Mittelinseln, Ampeln usw.), die Sie in unserem Online-Shop unter Rubrik Broschüren > Fußverkehr-Queren bestellen können.

 

Schulweg – Freiraum oder Gefahr für das Kind?

Dipl.Ing. Angelika Schlansky, Stadtplanerin Bremen, FUSS e.V.-Vorstandsmitglied

Einleitung

In Bremen gibt es ca. 100 Grundschulen, und jede dieser Grundschulen hat ihre eigenen Probleme bezüglich des Schulweges. Entweder ist der Schulweg zu lang oder zu gefährlich oder beides. Oder er führt durch eine ruhige Grünanlage, die den Kindern Angst macht. Es gibt wohl keine Grundschule, bei der der Schulweg nicht irgendwie problematisch ist. Deshalb lohnt es, sich mit dem Schulweg zu beschäftigen.

 

Wenn man Eltern fragt, wovor sie Angst haben in Bezug auf ihre Kinder, so antworten die meisten: vor Verkehrsunfällen (55 %). Die Statistik gibt den Befürchtungen recht. Ab dem Alter von 2 Jahren sind Verkehrsunfälle die häufigste Todesursache von Kindern. Die Angst vor Kriminalität (40%) und Drogen (26%) ist nachgeodnet. (1)

 

Fragt man die Kinder, wovor sie am meisten Angst haben, so nennen sie ebenfalls den Straßenverkehr.

 

Viele Eltern ziehen aus ihrer eigenen Angst die Konsequenz, die Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren.

 

Und wenn man die Kinder fragt, was sie, wenn sie Bürgermeister wären, als erstes verändern würden, dann antworten die meisten: Die Verkehrssituation (33 %). An zweiter Stelle kommt der Umweltschutz (13 %) und an dritter Stelle Veränderung der Spielplätze (10 %). (2)

 

Was tun? Kinder mit dem Auto chauffieren und das Verkehrsgeschehen als unveränderliche Gegebenheit hinnehmen, oder an die Ursachen herangehen, das Verkehrsgeschehen thematisieren, um Lösungen zur Zufriedenheit aller herbeizuführen ?

Kinder bewegen sich gerne aus eigener Kraft durch ihr Wohngebiet. Für sie ist das Herumstreifen zu Fuß eine Art Welterkundung auf eigene Faust, direkt und unmittelbar. Wenn man sie fragt, was sie auf ihren Schulweg erleben, so geben sie ganz unterschiedliche Antworten, auf die ein Erwachsener nicht kommen würde.

Kinder in Bremen-Obervieland sind gefragt worden, was ihnen am Schulweg gefällt.

Hier einige Antworten:

 

„Teich mit Enten“

„Die Bäume“

„Frische Luft und der Nebel, der mir ein gutes Gefühl gibt“

„Mit anderen Kindern sprechen“

„Dass man sehr viele Tiere beobachten kann, wie Hasen, Frösche und Vögel“ (3)

 

Wir haben es hier also mit dem Spannungsbogen: „Gefährlichkeit des Kfz-Verkehr“ gegen den Wunsch der Kinder nach „Bewegung und Erlebnis“ zu tun. Es geht um die wichtige Frage, wie man den Kindern diesen Freiraum (zurück)gibt, den sie haben möchten, und den sie für ihre gesunde Entwicklung brauchen, und wie man sie gleichzeitig vor den Gefahren auf dem Schulweg schützt.

Wie gefährlich ist der Schulweg wirklich?

Der Schulweg birgt zweifellos viele Gefahren. Die Hauptgefahr ist der zu schnelle Autoverkehr. Jährlich verunglücken in Deutschland knapp 500.000 Kinder (unter 15 Jahren) im Straßenverkehr, davon ca. 300 Kinder tödlich. In Bezug auf die tödlichen Kinderunfälle nimmt Deutschland eine Spitzenposition ein (357/100.000 Kinder unter 15 Jahren in Deutschland. Zum Vergleich Italien: 129/100.000 Kinder). Differenziert man die tödlichen Unfälle nach Straßenkategorie, so passieren 85 % an Hauptverkehrsstraßen, und 15 % auf Nebenstraßen. (4) Diffrenziert man sie nach Orten im Straßenraum, so ergibt sich Folgendes:

 

Unfallorte der Kinder (Ausschnitt)

 

  %
auf freier Strecke 47
Ampel bei Grün 12
Ampel bei Rot 2
Zebrastreifen 6
Bürgersteig 12

 

Quelle: Uta Koppen-Brauns: Verkehrsunfälle von Grundschülern auf dem Schulweg – eine Studie aus dem Rheinland. Herausgegeben vom Rrheinischen Gemeinde Unfall Versicherungsverband, 2003

 

Wenn man etwa denkt, dass der Bürgersteig sicher sei, so täuscht man sich. Hier passieren doppelt so viele Unfälle wie auf dem Zebrastreifen. Sie sind hauptsächlich auf Konflikte zwischen Fußgängern und Radfahrern zurückzuführen.

 

Deutschland ist das einzige Land in Europa, in dem die Zebrastreifen nach und nach abgeschafft wurden, mit dem Argument, dass sich „die Menschen darauf in scheinbarer Sicherheit wähnen“. In Italien gibt es die Zebrastreifen noch, und es werden weit weniger Kinder überfahren als in Deutschland.

 

Nicht nur die Eltern auch die Kinder haben Angst. Die Angst vor Verkehrsgefährdung ist bei den Kindern größer als andere Ängste. Dies hat die Schülerbefragung am Schulzentrum Obervieland ergeben. (5)

 

Ängste auf dem Schulweg (Prozentzahlen):

 

  männlich deutsch
männlich ausländisch weiblich deutsch
weiblich ausländisch
5. Jahrgang:        
Angst vor Verkehrgefährdung 29 24 46 14
andere Ängste (Bedrohung, Überfall) 10 18 32 38
zusammen: 39 42 78 52
6. Jahrgang:        
Angst vor Verkehrsgefährdung 31 31 32 7
andere Ängste 23 31 29 13
zusammen: 54 62 61 20
7. Jahrgang:        
Angst vor Verkehrsgefährdung 23 31 35 40
andere Ängste 26 6 20 3
zusammen: 49 37 55 43
9. Jahrgang:        
Angst vor Verkehrsgefährdung 33 32 27 18
andere Ängste 19 11 20 23
zusammen: 52 43 47 41

Die Prozentzahlen beziehen sich auf die Menge der ausgefüllten Fragebögen der jeweiligen Gruppe.Aus: Projekt „Sichere Schulwege„, Stadtteilzirkel Wegesicherheit Kattenturm, 2003

In allen Gruppen die Angst vor Verkehrsgefährdung größer ist als die Angst vor Bedrohungen, Überfall u.ä. Bei den ausländischen Mädchen ändert sich die diesbezügliche „Sorglosigkeit“ bis zum 7. Jahrgang sehr stark.

 

Wie sieht es mit diesen „anderen Ängsten“ aus? Wie kommen sie zustande? Was kann man dagegen tun?

 

Die „anderen Ängste“ beziehen sich häufig auf Konflikte mit Schulkameraden. Mädchen haben häufig Angst vor Dunkelheit, dichtem Gebüsch. Wenn man so will, sind es normale Ängste, die die Kinder im Laufe der Zeit durch die tägliche Erfahrung verlieren können oder denen sie sich stellen müssen.

 

An der Tabelle sehen Sie, dass bei den Mädchen die Angst vor Überfällen, Bedrohung mit zunehmendem Alter abnimmt. Bei den Jungens ist es unterschiedlich. Ich weiß nicht, ob deutsche Jungens mehr Angst haben als die ausländischen, vielleicht wird Angst auch nicht gerne zugegeben. Auf jeden Fall handelt es sich dabei nicht um Gefahren von außen, wenn man von Kindesentführungen, die überall stattfinden können, einmal absieht.

 

Diese anderen Ängste sollten kein Grund sein, das Kind mit dem Auto zur Schule zu fahren. Hier ist die Begleitung durch Erwachsene oder Freunde genauso „wirksam“. Viele Ängste erledigen sich auch dadurch, dass man täglich zu Fuß zur Schule geht. Auf dem Schulweg lernen die Kinder, entweder Vertrauen zur Umgebung zu fassen – wie man das bei den Mädchen sieht - oder ihre Konflikte untereinander auch zu regeln.

Die Verkehrssituation

Was als wirkliche Gefahr, die ernst zu nehmen ist, übrig bleibt, ist die Gefährdung durch den KFZ-Verkehr. Aber auch das sollte kein Grund sein, die Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren. Dadurch erhöht sich insgesamt die Gefährdung der Schulkinder und die Luft im Bereich der Grundschulen wird auch belastet.

 

Die Gefährdung geht weniger von den Autos an sich aus, als vielmehr von der Geschwindigkeit, mit der sie gefahren werden. Die zu hohe Geschwindigkeit ist Unfallursache Nr. 1.

Unfallursachen (6)

1. Nicht angepaßte Geschwindigkeit

2. Nichtbeachtung der Vorfahrt

3. Falsches Überholen

 

Betrachtet man sich die Geschwindigkeiten und ihre Folgen näher, so ergibt sich folgendes:

Bei einem Zusammenprall zwischen einem erwachsen Fußgänger und einem Auto mit Tempo 60 km/h hat der Fußgänger keine Überlebenschance. Bei Tempo 30 km/h kommen immerhin noch 3 von 10 Fußgängern ums Leben.

 

Warum wird bei uns in Deutschland so schnell gefahren? Das erklärt sich aus der Rechtslage. Tempo 50 ist die Regelgeschwindigkeit in der Stadt. Das Gefühl für die Gefährlichkeit von Tempo 50 ist nicht vorhanden. Der Mangel an Zebrastreifen verstärkt bei Autofahrern das Gefühl, dass ihnen niemand in die Quere kommen kann. Meistens wird noch schneller gefahren.

Was also tun?

Autofahrer sind im Konflikt, und den sollte man ihnen nehmen. Städte, die Tempo 30 flächendeckend eingeführt haben - wie Oslo zum Beispiel – haben keine tödlichen Unfälle mehr zu beklagen und die Anzahl der Schwerverletzten ist entsprechend niedriger.

Jede Initiative, die darauf hinausläuft, zumindest im Bereich der Schulen die Geschwindigkeiten und die Menge der Autos zu drosseln, trägt zum Schutz der Kinder bei.

Ein Kinder-Kampagne in England hat es auf den Punkt gebracht: Speed kills – Geschwindigkeit tötet.

Der Transport des Kindes zur Schule im Auto ist auch kein absoluter Schutz vor Tod oder Verletzung.

Neben diesen offensichtlichen Gefahren des Kfz-Verkehrs gibt es noch andere gesundheitliche Gefahren, die schleichend sind, und die haben mit der Bewegungsarmut der Kinder zu tun.

Kinder und Gesundheit

Kinderärzte schlagen Alarm: Die Bewegungslosigkeit der Kinder und das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom hängen miteinander zusammen. Der Tablettenkonsum bei Kindern ist erschreckend hoch.

Im Folgenden einige Zitate, die der Fachverband Fußverkehr FUSS e.V. zusammengetragen hat:

Gesundheitliche Folgen des Bewegungsmangels

„Das Kieler Institut für Humanernährung hat schon vor zwei Jahren Alarm geschlagen, mehr als 23 Prozent der Fünf- bis Siebenjährigen hätten deutliches Übergewicht."

Barbara Marnach vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung ZI spricht von der „Generation Rücksitz„. Quelle: Tagesspiegel, 7.4.2002.

„Das Sitzen erhöht zudem das Osteoporose-Risiko. Die Knochenmasse, die sich fast ausschließlich in der Jugend aufbaut, reagiert auf Bewegung. Bleibt die aus, hat das im Verbund mit falscher Ernährung auch noch andere Folgen: Die ZI Studie (Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung) hat bei etwa neun Prozent der Jugendlichen Bewegungsmangel als Ursache für eine Fehlentwicklung des Skelettsystems und der Wirbelsäule erkannt." Quelle: Tagesspiegel, 7.4.2002.

„Laut Experten zeigen aber auch mindestens 40 Prozent aller Schulkinder Haltungsschwächen, 20 bis 30 Prozent leiden an Übergewicht„ Quelle: Weserkurier 7.4.2002.

„Früher sind Kinder auf Bäume geklettert und haben auf holprigen Bolzplätzen Fußball gespielt, heute neigen bereits die Kinder zur Spezialisierung: Tennis, Ballett, oder – für die motorische Entwicklung am verheerendsten – Computerspiel. Das natürlich Sprunghafte von Kindern hat keinen Raum mehr.„ Quelle: Dr. Thomas Wessinghage aus fairkehr 6/1998.

Fazit: Die Kinder müssen sich bewegen, und der Schulweg ist eine gute Gelegenheit dazu. Außerdem lernen die Kinder nur zu Fuß, sich sicher im Straßenverkehr zu bewegen. Man muß verkehrserziehen, damit sie überleben bzw. vor Verletzungen geschützt werden.

Zur Verkehrserziehung

Am besten funktioniert Verkehrserziehung im Wohnumfeld, im Schulbereich, und zwar praktisch, nicht theoretisch. (7) Die größte Sicherheit bieten Eltern dem Kind, wenn sie es zur Schule zu Fuß begleiten. Nur so lernen Kinder, mit den Gefahren des Straßenverkehrs umzugehen. Wenn Eltern nicht mit dem Auto zur Schule fahren, mindern sie außerdem die Gefährdung der anderen Kinder.

 

Da die Eltern häufig keine Lust oder keine Zeit haben, ihre Kinder täglich zu Fuß zur Schule zu begleiten, gibt es andere Möglichkeiten, wie den Walking-bus oder Mobikids aus Bayern.

 

Was ist ein Walking-Bus? Mit dem Bus werden 8 bis 14 Kinder zu Fuß zur Schule von zwei Erwachsenen begleitet. Die vorderen beiden Kinder sind die „Busfahrer„, die letzten beiden die „Schaffner„. Die erwachsenen Begleitpersonen haben nur Kontrollfunktion. Die Kinder werden an sogenannten Bus-Stops abgeholt. Der walking-bus läuft täglich, bei jedem Wetter.

 

Die Eltern müssen sich selbst organisieren, absprechen und abwechseln.

 

Eine andere Formation nennt sich MOBIKIDS oder Ameisen (8). Bei diesem MOBINET-Pilotprojekt kommen vier bis fünf Gruppen „Ameisen“ aus allen Himmelsrichtungen auf die Schule zu, auf festgelegten Routen. An Sammelpunkten stoßen neue Schüler dazu. So wachsen die Häufchen an und werden sicher von einem Elternteil auf das Schulgelände gebracht. Mit dem Projekt Mobikids wurden erstmals in Deutschland die Effekte einer maßgeschneiderten Mobilitätsberatung an einer Grundschule untersucht: Der Anteil gefahrener Schulkinder hat sich innerhalb eines Jahres um 15 Prozent verringert. Beide Modelle bedeuten für die Kinder „Frühsport“. In Gruppen zur Schule zu gehen, kommt vor allem bei den Erst- und Zweitklässlern gut an. Den Spaziergang zur Schule nutzen sie zum Reden. Die Dritt- und Viertklässler kommen lieber mit dem Fahrrad zur Schule.

 

Diese Aktionen kosten kaum Geld. Der Erfolg hängt vom persönlichem Engagement der Eltern und der Lehrer ab.

Der Schulweg als Freiraum

Kinder zu Fuß erleben mehr als Kinder, die mit dem Auto gebracht werden. Das zeigen Kinderzeichnungen aus Hamburg mit aller Deutlichkeit: (9)

 

Ein Kind, das täglich mit dem Auto zur Schule gefahren wird, bringt nichts anderes auf das Papier als einen gebogenen Strich zwischen Wohnung und Schule.

 

Das Kind, das mit dem Bus fährt, zeichnet zumindest außerdem noch den Bus und die Haltestellen ein.

 

Ein Kind, das täglich zu Fuß zur Schule geht, bringt sehr viel auf das Papier: Die Sparkasse, Aldi, Container, Ampeln. Das Schulgebäude ist deutlich gemalt.

 

Um Kinder zu ermuntern, zu Fuß zur Schule zu gehen, und auch die Eltern zu ermutigen, ihr Kind gehen zu lassen hat der FUSS e.V. mit Unterstützung der Ministerien Flyer erstellt und bundesweit ca. 500.000 Stück an Grundschulen verteilt. (Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten) (10) Hier wird in ansprechender Form auf die Vorteile des Schulweges zu Fuß hingewiesen. Was sind denn nun die Vorteile ?

Vorteile des Zu Fuß Gehens

  • Die Bewegung aus eigener Kraft stärkt das Selbstwertgefühl
  • Kinder, die sich bewegen, können besser lernen
  • Durch den täglichen Frühsport sind Kinder fitter im Unterricht
  • Die Kinder können sich mit ihrer Umgebung vertraut machen, verlieren Ängste, tragen ihre Konflikte untereinander aus
  • Kinder haben die Möglichkeit, beim Gehen mit Freunden zu reden. Auch das Gespräch mit der zu Fuß das Kind begleitenden Mutter ist intensiver, als wenn die Mutter sich als Autofahrerin ausschließlich auf das Verkehrsgeschehen konzentrieren muß
  • Kinder brauchen den Freiraum zwischen Schule und Elternhaus, sie erobern sich damit ihre Umgebung und entwickeln ein Identitätsgefühl, Heimatgefühl
  • Kinder lernen, auf das Verkehrsgeschehen angemessen zu reagieren –
  • das ist der beste Schutz, den man den Kindern bieten kann

Die Eltern als Kinderlobby

Was ist zu tun? Man muß sich im klaren darüber sein, dass die Kinder so gut wie keine Lobby haben. Kinder können noch nicht wählen. Wäre es so, würde der Bürgermeister als erstes das Verkehrsgeschehen verändern, siehe oben!

Also müssen sich die Eltern für die Belange der Kinder einsetzen.

Was können sie tun?

Es ist den Eltern zu raten, sich zusammenzuschließen, um abwechselnd die Kinder in Gruppen zur Schule zu bringen. Dadurch haben Eltern auch die Chance, den Blickwinkel der Kinder einzunehmen, eine andere Wahrnehmung. Das ermöglicht es ihnen besser, sich dafür einzusetzen, dass gefährliche Stellen entschärft werden, der Schulweg angenehmer wird.

Was genau kann gefordert werden?

  • Tempo 30 im Bereich der Schule, des Kindergartens
  • Zebrastreifen überall dort, wo die Kinder über die Straße gehen wollen.
  • Die neue Richtlinie für Fußgängerüberwege – R-FGÜ 2001 (11) gibt den Ländern und Gemeinden die Möglichkeit, überall dort Zebrastreifen einzurichten, wo es sinnvoll ist.
  • Fahrbahnverschmälerung und Gehwegeverbreiterung.
  • Bei Tempo 30 braucht die Fahrbahn nicht so breit zu sein
  • Mittelinseln an sehr breiten Straßen
  • Sicherung der Bushaltestellen durch Querungshilfen (Zebrastreifen, Mittelinsel, Fußgängerampel, vorgezogener Bürgersteigbereich)
  • Freie und sichere Bürgersteige - der Radverkehr gehört auf die Fahrbahn - bei Tempo 30 kein Problem
  • Parkraumüberwachung (gegen Gehwegparken) und Aufhebung von Parkplätzen direkt vor der Schule (bessere Sicht)
  • angenehme Umgebung und Spielmöglichkeiten am Rande

Mitarbeit der Schulen

Die Einbindung der Schulen ist wichtig hinsichtlich der Kontinuität über die vier Grundschuljahre hinaus. Sie sollten nicht nur Stundenpläne, sondern auch Verkehrspläne aufstellen, d.h. Vorhaben entwickeln bzw. auflisten, die für die Sicherheit und das Wohlbefinden der Kinder durchgeführt werden müssen. Parallel und am Beispiel des Schulweges sollten sich Schulen für eine andere Verkehrserziehung stark machen. Dabei können sie sich auf einen Beschluß der Kultusministerkonferenz von 1994 berufen. Verkehrserziehung ist neu definiert worden:

 

Sie soll neben der Sicherheitserziehung auch Fragen der Umwelt, der Gesundheit und des Sozialverhaltens behandeln. Ziel sollte sein, die Kinder zu rücksichtsvollen und umweltbewußten Verkehrsteilnehmern zu erziehen. Das Verkehrsgeschehen selbst sollte im Unterricht thematisiert werden, beispielsweise die Kosten und Flächenverbrauch des Autoverkehrs im Vergleich zu den Kosten des Bahnverkehrs oder des Rad- und Fußverkehrs. Kinder müssen Gelegenheit bekommen, das Verkehrsgeschehen in seiner gegenwärtigen Form zu hinterfragen.

Und hier noch ein „best - practice„ - Beispiel

Eine Initiative in Bremen-Habenhausen will erreichen, dass die Straße direkt vor der Schule für die Mamma- und Papataxis tabu ist.(12) Hier soll zumindest der Weg, bzw. die Straße vor der Schule den Kindern Gelegenheit geben, zu spielen, zu hüpfen, zu balancieren oder einfach nur das letzte Stück zur Schule zu gehen. Schon im Vorfeld ist erreicht worden, dass die Habenhauser Dorfstraße Tempo 30 bekommen soll. Dazu gab es einen Ortstermin. An dem Projekt sind neben der Grundschule zwei Kirchengemeinden und ein Sportverein beteiligt. Das wirkt!

 

Eine „Elternhaltestelle„ gibt es bereits. Sie wurde vom frischgekührten Innensenator eingeweiht. Eltern können nach wie vor ihre Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen, aber sie sollten sie nicht mehr bis zum Schultor fahren! Diese Initiative wird als nächstes eine Schüler- und Elternbefragung (je nach Alter der Kinder) durchführen, um über dieses Medium miteinander zu kommunizieren und eine Datenbasis zu schaffen. Möglicherweise ist nach einem Jahr u.a. nachzuweisen, dass sich die Verkehrssituation vor der Grundschule entspannt hat, und viel mehr Kinder den ganzen Weg von zu Hause aus zu Fuß gehen.

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Dipl. Ing. Angelika Schlansky
Stadtplanerin
Liebensteiner Straße 36
28205 Bremen
Tel/Fax: 0421/44 64 57
email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

Alle Rechte liegen bei den Verfassern und dem Herausgeber FUSS e.V. Nachdruck ist auch auszugsweise nur bei genauer Angabe der Quelle und bei Zusendung eines Belegexemplars erlaubt. Die Verwendung von Texten im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit oder zu gewerblichen Zwecken ist genehmigungspflichtig.

Quellenangaben

Zu den Angaben und Zitaten auf dieser Seite finden Sie hier die Quellenangaben.

Der FUSS e.V. verfolgt das Ziel, das Verkehrsgeschehen in einer Weise zu entschärfen, dass Kinder auf ihrem Weg zur Schule nicht mehr ihr Leben riskieren. Eine kleine Unachtsamkeit darf nicht eine schwere Verletzung oder gar den Tod eines Kindes zur Folge haben. Mehr Sicherheit im Straßenverkehr lässt sich nur durch eine flächendeckende Geschwindigkeitsreduzierung des Kfz-Verkehrs erreichen (Bremsweg-Verkürzung, Minderung des Aufpralls). Im Umfeld der Schulen sollte damit begonnen werden. (Mehr dazu: Schulwegsicherung)

 

Solange die Verkehrssituation jedoch so ist, wie sie ist, sollten Schulen den Eltern raten, ihre Kinder in der Anfangszeit regelmäßig zu Fuß zur Schule zu begleiten, und sie nicht mit dem Auto zu bringen. Der Schulweg zu Fuß bietet die Möglichkeit, aufmerksames Verhalten dem Verkehrsgeschehen gegenüber einzuüben und auch die körperliche Fähigkeit, notfalls abrupt stehen zu bleiben oder zurückzuspringen.

 

Werbekampagnen für den Schulweg zu Fuß müssen wiederholt durchgeführt werden, um zu verhindern, dass Eltern in alte Verhaltensweisen zurückfallen oder „sich dem Zug der Zeit“ anschließen. Wichtig ist die ständige direkte Kommunikation vor Ort zwischen Schule, Eltern, Polizisten und Kommunalpolitikern, um diesen Prozess, der auch für die Eltern ein Lernprozess ist, in Gang zu halten und dann auch Verbesserungen auf dem Schulweg zu erreichen (Tempo 30, Zebrastreifen, Verhinderung von Gehwegparken).

Der Schulweg ist auch ein Thema der Schule

Der Schulweg zu Fuß bietet Möglichkeiten, die Ziele der „Neuen Verkehrserziehung“ (Kultusministerkonferenz 1994) umzusetzen: „Verkehrserziehung beschränkt sich nicht nur auf das Verhalten von Schülerinnen und Schülern und an ihre Anpassung an bestehende Verkehrsverhältnisse; sie schließt vielmehr auch die kritische Auseinandersetzung mit Erscheinungen, Bedingungen und Folgen des gegenwärtigen Verkehrs und seiner zukünftigen Gestaltung mit ein. Verkehrserziehung in der Schule leistet insofern Beiträge gleichermaßen zur Sicherheitserziehung, Sozialerziehung, Umwelterziehung und Gesundheitserziehung.“ Die Schulen sollten die Eltern auf diese Vorteile hinweisen, und möglichst selbst versuchen, die Neue Verkehrserziehung in den Unterricht mit aufzunehmen. Die Hamburger Schulbehörde hat hierzu beispielhafte Materialien für alle Jahrgangsstufen ausgearbeitet.

Die Eltern- oder Großelternbegleitung

ist am Anfang für die Kinder ganz sicher die schönste Begleitform, wegen der gemeinsamen Bewegung und der angenehmen Gelegenheit, miteinander zu reden. Noch mehr Spaß macht es dann sehr bald, wenn Mitschüler hinzukommen. Fragen Sie Ihre Kinder! Gerne machen Kinder einen kleinen Umweg, um dann die richtigen Gesprächspartner zu haben. Sehr bald brauchen Sie den Schulweg nur noch jeden zweiten oder dritten Tag mitzugehen, wenn Sie sich mit anderen Eltern absprechen. Es sei denn, Sie investieren diese Zeit gerne, weil es Ihnen Spaß macht und Sie damit direkt an einer der spannendsten Lebensphasen Ihres Kindes teilnehmen. Viele Eltern vergessen dabei auch, dass sie gerade ihr Kind begleiten, weil sie sich gerne auch mit anderen Müttern oder Vätern austauschen. „Begleitmobilität“ kann zu einem Bestandteil des Tages werden, den Sie nicht mehr missen möchten. Und dennoch: Irgendwann ist diese schöne Zeit vorbei, Sie nehmen nur noch beobachtend teil und später gehen die Kinder lieber alleine. Berücksichtigen Sie bei der Abwägung, ob Ihr Kind alleine zur Schule gehen kann, nicht nur die Verkehrssituation. Beachten Sie, dass das Kind stufenweise lernen muss, mit einer Verkehrssituation auch selbständig zurecht zu kommen. Eine zu lange Begleitung nimmt dem Kind die Möglichkeit, das gemeinsam geübte Verhalten bewusst anzuwenden.

Eine organisierte Einzel-Begleitung

kann notwendig sein, wenn Ihr Tagesablauf die Begleitung nicht regelmäßig oder gar nicht zulässt. Einfacher ist es sicherlich, wenn Sie nur an bestimmten Tagen keine Zeit haben und damit einen Wechsel anbieten können. Aber geben Sie auch nicht auf, wenn Sie z.B. als berufstätige/r alleinerziehende/r Mutter/Vater diese Möglichkeit nicht haben und Ihr Arbeitgeber sich auch auf eine Verlegung der Arbeitszeit nicht einlässt. Der Auto-Transport ist für das Kind die allerungünstigste Alternative. Überwinden Sie sich und sprechen Sie Eltern von Nachbarkindern an oder äußern Sie Ihren Wunsch und Ihre verständlichen Probleme an einem Elternabend. Sie werden sehen, es findet sich eine Lösung. Ganz sicher sind Eltern dazu bereit, neben ihrem eigenen Kind auch Ihr Kind beim Schulweg dabei zu haben, wenn Sie diese Hilfsbereitschaft mal mit einem Blumenstrauß etc. anerkennen. Ein Versicherungs-Problem ist das nicht, denn die Kinder sind alle auf dem Schulweg versichert.

 

Eine organisierte Begleitung für den Einzugsbereich einer Schule ist sicherlich aufwändiger durch die notwendigen Absprachen der Begleitung nach einem „Dienstplan“ und der Festlegung von Routen, kann aber den Kindern Spaß bringen und die Eltern letztlich entlasten. Sie setzt ein/en Koordinator/in oder besser eine kleine Koordinationsgruppe voraus und verlangt die aktive Beteiligung der Eltern. Der große Vorteil ist die „Sogwirkung“, die das Gehen in Gruppen auch auf die Kinder hat, die bisher mit dem Auto zur Schule gefahren wurden. Beim Projekt „MOBIKIDS“ in München verringerte sich z.B. der Anteil gefahrener Schulkinder im Verlaufe nur eines Jahres um ca. 15 %. Der zweite Vorteil ist ebenfalls nicht zu unterschätzen: Das Gehen in Gruppen schafft mehr Aufmerksamkeit der Autofahrer und führt das Gehen allgemein vor Augen. Der „Weg“ wird damit zum „Ziel“, d.h. die Kinder und Eltern beweisen, dass es geht.

 

Es gibt verschiedene auch nur regional verwendete Namen für diese Begleitmobilität und ein breites Spektrum der Organisationsformen, von denen hier nur zwei herausgegriffen werden:

Ameisenzüge

kommen aus allen Himmelsrichtungen auf festgelegten Routen auf die Schule zu. Die Eltern begleiten ihre Kinder bis zur Route, die Kinder gehen den Weg bis dahin alleine oder treffen sich bereits mit anderen Kindern. Die Routen werden aufgrund der Verteilung der Wohnorte der Kinder und möglicherweise im Zusammenhang mit den Schulwegsicherungs-Plänen festgelegt. Sie sollten so geführt werden, dass die Gruppen kurz vor der Schule nicht zu groß werden und die (nicht ausgebildeten) Begleiter/innen nicht überfordern. Für die einzelnen Kinder muss eine Zeit festgelegt werden. Hat eine Schule z.B. wie beim Projekt „MOBIKIDS“ vier bis fünf Routen, müssen täglich nur acht bis zehn Elternteile die Begleitung vor und nach der Schule übernehmen. Die Ameisenzüge erlauben das „Sich anschließen“ von Kindern, deren Eltern eine Begleitung nicht durchführen können. Derartige „Ungleichheiten“ lassen sich als Problem aber nicht mehr zwischen wenigen Personen lösen, sondern müssen durch die Elternschaft geregelt werden. Geregelt werden muss auch, welche Rolle die Eltern von der jeweiligen Begleitperson erwarten (beobachtend oder leitend).

 

Ein großer Vorteil dieser „Ameisenzüge“ ist sein Name, der überzeugend ausdrückt, um was es geht und den die Kinder verstehen und lieben. Lehrerinnen und Lehrer werden das Thema Ameisen auch gerne aufgreifen und damit die Kinder bestärken mit diesen „starken Tieren“. Ameisenzüge werden größer, je mehr sie sich der Schule nähern und damit im Schulumfeld immer auffälliger auch für die Autofahrer. Ameisenzüge haben den sozialen Vorteil, dass die Kinder mit immer den gleichen Partnern im Zug reden können, sich aber auch im Laufe der Zeit neue Bekanntschaften und Freundschaften ergeben können, die über den Klassenverband hinausgehen.

„walking bus“ oder „Pedi-Bus“

Die Begriffe kommen aus England und Frankreich und wurden übernommen, weil ein „Geh-Bus“ oder ein „Fuß-Bus“ nicht so gut klingen. Wie die Namen erahnen lassen, handelt es sich bei diesen Bussen nicht um richtige Busse, sondern um Gruppen von Kindern, die zu Fuß zur Schule gehen und auf ihrem Weg alle Kinder „einsammeln“, die an den festgelegten „Haltestellen“ stehen. Grundsätzlich organisieren die Eltern ihren Walking- oder Pedibus selbst. Sie verabreden untereinander, welche zwei Elternteile wann die Kinder zur Schule begleiten (genaue Zeitpläne) und wo sich die Kinder zum Einsammeln am besten treffen (Haltestellen). Sie ist eine „effektive“ Methode hinsichtlich der tatsächlich Zu Fuß zurückgelegten Wege der Kinder (Bewegung) und auch hinsichtlich der Konkurrenz mit dem Eltern-Taxi (Evaluation ist möglich durch die Erfassung der Gruppen-Teilnehmer).

 

Diese festgelegten Gruppen sind besonders dann geeignet, wenn mehrere Kinder z.B. aus einer Siedlung heraus den fast gleichen Schulweg haben. Beim „walking bus“ in Hallbergmoos bei München z.B. gehen die Kinder dadurch etwa 2 Kilometer pro Schulweg gemeinsam und können sich in dieser kontinuierlichen Situation kennenlernen. Hier wurde im übrigen erreicht, dass auch die begleitenden Erwachsenen in die Schulweg-Versicherung aufgenommen wurden.

 

Sie ist eine "effektive" Methode hinsichtlich der tatsächlich zu Fuß zurückgelegten Wege der Kinder (Bewegung) und auch hinsichtlich der Konkurrenz mit dem Eltern-Taxi (Evaluation ist möglich durch die Erfassung der Gruppen-Teilnehmer). Das alltägliche "In-Reihe-und-Glied-gehen" und die gleichmäßige Ausstattung durch leuchtende Dreiecksumhänge, bzw. grellfarbene Ponchos wird nicht allen Eltern wegen ihrer Vorstellungen von Erziehung zusagen. Wissenschaftlich nicht untersucht ist die Frage, ob Kinder in größeren Gruppenverbänden Aufmerksamkeit üben. Umstritten ist zudem, ob dadurch die Vorteile des "Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten"-Gehens wieder einschränkt werden, wie zum Beispiel die Selbständigkeit, die Aufmerksamkeit, das eigene Tempo, die Möglichkeit wirklicher Auseinandersetzungen mit anderen Schülern und das eigene Erleben der Dinge auf dem Weg. "walking bus" oder "Pedi-Bus" sollten nicht als eine "Dauereinrichtung" durchorganisiert werden, sondern allenfalls als Übergangslösung zu einem baldigen eigenständigen Schulweg.

 

Diese festgelegten Gruppen sind dann akzeptabel, wenn mehrere Kinder, z.B. aus einer Siedlung heraus, den fast gleichen gefährlichen Schulweg haben. Beim "walking bus" in Hallbergmoos bei München z.B. gehen die Kinder dadurch etwa 2 Kilometer pro Schulweg gemeinsam und können sich in dieser kontinuierlichen Situation kennenlernen. Hier wurde im Übrigen erreicht, dass auch die begleitenden Erwachsenen in die Schulweg-Versicherung aufgenommen wurden. Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, eine Gruppe von Kindern sicher zur Schule zu begleiten.

 

Die erste Möglichkeit: Zwei Erwachsene, einer vorne, einer hinten begleiten die Kinder und achten auf alles, d.h. auf die sichere Überquerung der Straßen und darauf, dass kein Kind zurückbleibt.

 

Die zweite Möglichkeit: Zwei bis vier Kinder übernehmen für die ganze Gruppe die Verantwortung an der Spitze („Busfahrer“) und noch einmal zwei Kinder am Ende („Schaffner“) des „Busses“. Die Erwachsenen laufen im mittleren Bereich am Bordstein nebenher, und haben nur Kontrollfunktion. Diese Idee stammt von Frau Andrea Mast aus Hallbergmoos. Aufgrund der dortigen Elterninitiative werden die Kinder „Die flotten Füße“ und auch die Eltern grundsätzlich alle mit den gleichen Leucht-Equipment-Trapezen und bei Regen mit Ponchos und Mützen ausgestattet. Dadurch identifizieren sich die Kinder mit ihrer „walking-bus“-Gruppe. Sie fühlen sich als etwas „Besonderes“! Abgeholt werden sie bei jedem Wetter an „Bus-Stopps“.

 

Der Organisationsaufwand ist bei dieser Begleit-Mobilität sicher am höchsten und es wird den Eltern am meisten abverlangt. Sie müssen sich auf einen Wochen- oder Monatsplan verständigen, bei dem ein ständiger Wechsel nicht nur der Begleitpersonen, sondern auch der „Busfahrer“ und „Schaffner“ zu berücksichtigen ist. Das Verfahren bei Neuzugängen und das Meldesystem bei Erkrankungen sind abzusprechen. Dies alles muss kontinuierlich erfolgen und erfordert Absprachen durch eine verlässliche Koordinations-Person bzw. Gruppe und auch Elternabende. Es wird vorausgesetzt, dass sich alle Eltern, die keine 5-Tage-Vormittag-Berufstätigkeit haben, an der Organisation und Durchführung beteiligen.

 

Diese Methode schafft eine Gruppenzugehörigkeit, die in Hallbergmoos durch kleine Geschenke und z.B. gemeinsame zusätzliche Nachmittags-Ausflüge gestärkt wird.

Schülerlotsen

sichern den Schulweg an Überwegen und anderen Konfliktpunkten. Den übrigen Weg gehen die Kinder dann relativ frühzeitig ohne Begleitpersonen. Schüler ab der 7. Klasse, die mindestens 13 Jahre alt sind, werden für dieses „Ehrenamt“ von der Verkehrswacht geworben. „Auf einem lotsengesicherten Weg ist noch kein Kind ums Leben gekommen“ so die Argumentation. Die Schülerlotsen tragen leuchtende Westen und benutzen eine Kelle, um Autos zu stoppen. Geschützt zwischen 2 Schülerlotsen, die breitbeinig den Verkehr abwehren, ihn aber nicht wirklich anhalten dürfen, gehen die Kinder über die Straße. Vorteilhaft ist, dass sich die Eltern darauf verlassen können, dass an der gefährlichen Querungsstelle Hilfe geboten wird. Nachteile dieser Methode sind, dass die Schülerlotsen oft nicht alle Schulbeginn-Zeiten abdecken können und die Kinder nicht lernen, selbst auf den Verkehr zu achten.

Seniorenlotsen

Senioren unterstützen die Kinder auf dem Weg zur Schule, in dem sie an bestimmten, stark frequentierten Kreuzungen durch ihre Anwesenheit mit leuchtender Weste und Kelle dafür sorgen, dass Kinder bei Grün über die Straße gehen können. Rechtsabbiegende Autos werden dafür gestoppt und erst durchgelassen, wenn alle Kinder sicher die andere Straßenseite erreicht haben. Diese Methode schützt die Kinder vor unachtsamen Autofahrern. Bedauerlicherweise erleiden viele Kinder gerade an Ampeln, die ihnen Grün signalisieren, einen Unfall.

Elternhaltestelle

Diese Idee stammt aus Bremen und das Projekt ist erst angelaufen: Damit Eltern ihre Kinder nicht direkt bis vor das Schultor fahren, wird ihnen eine sogenannte „Elternhaltestelle“ angeboten. Dies ist eine Stelle, ca. 300 m vom Schultor entfernt, an der die Eltern ihre Kinder aus dem Auto entlassen sollen. Damit soll der Auto-Halteverkehr direkt vor der Schule vermindert werden. Es muss sich zeigen, ob er sich dadurch lediglich verlagert. Wichtig ist den Initiatoren, dass das restliche Stück Weg zur Schule so umgestaltet wird, dass die Kinder darauf spielen können, mit Balancierbalken, Hüpfsteinen u.ä. Den Kindern soll das letzte Stück Weg zu Fuß solchen Spaß machen, dass sie darauf bestehen, den ganzen Weg von zu Hause aus zu Fuß zu gehen.

 

Dezember 2003

Angelika Schlansky, Bernd Herzog-Schlagk, Manfred Bernard

 

Alle Rechte liegen bei den Verfassern und dem Herausgeber FUSS e.V. Nachdruck ist auch auszugsweise nur bei genauer Angabe der Quelle und bei Zusendung eines Belegexemplars erlaubt. Die Verwendung von Texten im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit oder zu gewerblichen Zwecken ist genehmigungspflichtig.

Eine ansprechend gestaltete 24seitige Broschüre „Zu Fuß zur Schule“, Verfasserin: Heike Wohltmann, planungsgruppe Vor Ort, Herausgeber: FUSS e.V., ist in unserem Online-Shop unter Rubrik Broschüren > Fußverkehr-Kinder erhältlich. Sie gibt einen thematischen Überblick, beschreibt die derzeitige wissenschaftliche Diskussion, fasst die aktuelle Daten zusammen, bietet Informationen aus dem In- und Ausland und eine ausführliche Literatur-Übersicht.

 

Auf der Grundlage dieser Schrift und den Erfahrungen aus der Öffentlichkeitsarbeit des FUSS e.V. in den vergangenen Jahren bieten wir Ihnen als einen thematischen Einstieg: 10 Fragen und 10 Antworten von Eltern und für Eltern.

 

Vertiefend wird dann das Thema in folgende drei Themenkomplexe gegliedert:

 

10 Fragen und 10 Antworten

1. Ist die gesundheitliche Situation der Schulkinder ein Problem?

Nach Aussage der Weltgesundheitsorganisation WHO vom Frühjahr 2002 sterben jährlich 2 Millionen Menschen an den Folgen von Bewegungsmangel. Laut WHO besitzen 40 % der Grundschulkinder bereits einen schwachen Kreislauf oder erniedrigte Blutdruckwerte. Die Zahl der übergewichtigen Schulanfänger hat sich in den letzten 10 Jahren in Deutschland verdoppelt. Eine im Auftrag der Bundesregierung erstellte Untersuchung untermauerte die These des Bewegungsmangels: 60 Prozent der untersuchten Kinder in Kindergärten hatten Haltungsschwächen oder -schäden, 30 Prozent Übergewicht, 40 Prozent litten unter einem schwachen Herz-Kreislauf-System und an etwa 35 Prozent mussten muskuläre Schwächen und Koordinierungsprobleme diagnostiziert werden. Die motorischen Leistungen von vier- bis sechsjährigen Kindern haben in den letzten 15 Jahren um 10 % abgenommen.

2. Muss man die Kinder nicht vorrangig vor der schlechten Außen-Luft schützen?

Ja, aber grundsätzlicher, durch Reduzierung des Kfz-Verkehrs-Anteiles in den Städten; insbesondere durch Abbau der kurzen Auto-Fahrten wie sie die Schulwege in der Regel darstellen. Übrigens ist die Luft im Auto häufig noch schlechter als auf dem Gehweg. Messungen ergaben im Vergleich zum Bürgersteig um ca. 40% bis 60 % höhere Kohlen-monoxid- und Stickstoff-Konzentrationen im Innenraum der Autos.

3. Aber atmen sie nicht gerade als Fußgänger den Schmutz verstärkt ein?

Nein, denn die Luft im Auto ist häufig noch schlechter als auf dem Gehweg. Messungen ergaben im Vergleich zum Bürgersteig um ca. 40% bis 60 % höhere Kohlenmonoxid- und Stickstoff-Konzentrationen im Innenraum der Autos.

4. Ist das Zu Fuß Gehen für Kinder heutzutage nicht lebensgefährlich?

Stimmt, deshalb ist es wichtig, den Autoverkehr in den Städten zu reduzieren und zu verlangsamen.

5. Ist mein Kind nicht erst einmal im Auto sicherer als zu Fuß?

Nein, die Verkehrssicherheit ist im Auto keineswegs größer. Der Anteil der als Pkw-Insasse verunglückten Grundschulkinder steigt seit Jahren und lag im Jahr 2000 schon bei 32 %. Beinah 60 % aller getöteten Kinder bis 6 Jahre und 46 % aller Kinder zwischen 6 und 10 starben im Jahr 2000 im Auto.

6. Ist es nicht klüger, mein Kind erst dann zur Schule gehen zu lassen, wenn es ein wenig älter und erfahrener ist?

Das ist nachgewiesenermaßen ein falscher Ansatz: Dadurch verschieben sich lediglich die Unfälle. Schon heute liegt der Unfallgipfel von Schulwegunfällen bei den neun- bis zehn-jährigen. Ähnliches ist übrigens beim Radfahren zu beobachten: Der Unfallgipfel liegt bei zwölf- bis vierzehnjährigen, wenn sie ihre Radfahrprüfung abgelegt haben und die Routine eintritt (wie bei jungen Autofahrern auch).

7. Hat mein Kind auf dem Schulweg nicht mit Belästigungen insbesondere durch größere Kinder zu rechnen?

Zuerst werden Sie mit Ihrem Kind gemeinsam zur Schule gehen, dabei werden Sie erfahren, wie stark mit Belästigungen zu rechnen ist. Danach wird Ihr Kind möglicherweise gemeinsam mit anderen Kindern zur Schule gehen. Sie soziale Sicherheit nimmt zu, wenn möglichst viele Menschen auf den Gehwegen unterwegs sind. Im übrigen werden Sie Ihr Kind nicht vor unliebsamen Kontakten mit anderen bewahren können, der Umgang damit gehört zur Sozialisation.

8. Schulmappen sind heute schwer, in der Schule gibt es keine gesicherte Ablage. Soll mein Kind einen krummen Rücken bekommen?

In der Einschulungsklasse ist das in der Regel gar kein Problem. Danach sollte Ihr Kind durchaus einen bequemen Rucksack mit vertrebarem Gewicht tragen können. Halten Sie das Büchergewicht für unvertretbar, sollte dies nicht zum Eltern-Taxi führen, sondern zur Lösung der Ursache. Sprechen Sie das beim Elternabend an.

9. Hat denn die Begleit-Mobilität überhaupt einen bemerkenswerten Anteil am Verkehrsgeschehen?

Die Begleitung durch Erwachsene hat enorm zugenommen. Legten zu Beginn der 70er Jahre noch 91 % der Erstklässler den Schulweg allein oder zusammen mit anderen Kindern zurück, so waren es im Jahr 2000 nur noch 17 %. In Großbritannien ist der Anteil der Schulwege mit dem Auto in den letzten 20 Jahren von 10 auf 35 % angestiegen, während er Fußwegeanteil von 80 auf 60 % abfiel. In Deutschland ist der Wegezweck „Holen und Bringen von Personen“ erstmals in der Mitte 2003 veröffentlichten „kontiv 2002 - Mobilität in Deutschland“ als eine eigene Kategorie aufgeführt: In Haushalten mit Kleinkindern entstehen ca. 25 % der zurückgelegten Wege durch Begleitungen. Bundesweit ist mittlerweile jeder zehnte Wegezweck die Begleitung, wobei er bei den Fußwegen nur halb so groß ist (8 %) wie bei den Autofahrten (16 %).

10. Hätte denn der Verzicht auf solche Autofahrten überhaupt einen bemerkenswerten positiven Umwelteffekt?

Ja selbstverständlich. Im Jahr 2000 stammten rund 22 % der CO2-Emissionen aus dem motorisierten Individualverkehr und dieser steigt seit Jahren an. Ganz konkret: Bei einem Schulweg von 2 Kilometern Länge und 200 Schultagen im Jahr werden ca. 160 Kilogramm CO2 pro Schulkind weniger in die Luft geblasen.

 

„Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ ist eine Gemeinschaftsaktion des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit BMU; Umweltbundesamtes UBA, Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen BMVBW; Bundesministeriums für Gesundheit und Soziales BMGS; Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMFSFJ und des FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland.

 

Dezember 2003

Bernd Herzog-Schlagk

Es ist gut, dass in Deutschland der Umweltschutz eine zentrale Rolle spielt. Die umfassende Marburger Studie "Umweltbewusstsein in Deutschland 2002", die Anfang Juli vom Umweltbundesamt vorgelegt wurde, hat den hohen Stellenwert des Umweltschutzes noch einmal bekräftigt. Leider konzentrieren sich die Bundesbürger, die z.B. auf der internationalen Ebene eine deutsche Vorreiterrolle beim Klimaschutz wünschen, oft nicht so sehr um die Minimierung der Umweltprobleme im eigenen Lebensbereich. Es dürften ruhig mal ein paar praktische Schritte sein.

Kleine Zeichen setzen

Jeder Schritt zu Fuß setzt ein Zeichen für den praktizierten Umweltschutz. Die Fakten sind in groben Zügen allen bekannt: Der motorisierte Verkehr stellt in den Städten die Hauptquelle der Luftverschmutzung und des Lärms dar, er verbraucht Unmengen von Energie- und anderen Rohstoff-Recourcen. Darüber hinaus benötigt er einen viel zu großen Flächenanteil, sodass es in Ballungsräumen immer knapper wird mit den Erholungs- und Kinderspiel-Anlagen. Dennoch werden in deutschen Städten die Kinder immer häufiger mit dem Auto zum Kindergarten, zur Vorschule oder zur Grundschule gefahren.

Verkehrsanteil durchaus bemerkenswert...

Die Begleitung durch Erwachsene hat enorm zugenommen. Legten zu Beginn der 70er Jahre noch 91 % der Erstklässler den Schulweg allein oder zusammen mit anderen Kindern zurück, so waren es im Jahr 2000 nur noch 17 %. In Großbritannien ist z.B. der Anteil der Schulwege mit dem Auto in den letzten 20 Jahren von 10 auf 35 % angestiegen, während er Fußwegeanteil von 80 auf 60 % abfiel. In Deutschland ist der Wegezweck „Holen und Bringen von Personen“ erstmals in der Mitte 2003 veröffentlichten „kontiv 2002 - Mobilität in Deutschland“ als eine eigene Kategorie aufgeführt: In Haushalten mit Kleinkindern entstehen ca. 25 % der zurückgelegten Wege durch Begleitungen. Bundesweit ist mittlerweile jeder zehnte Wegezweck die Begleitung, wobei er bei den Fußwegen nur halb so groß ist (8 %) wie bei den Autofahrten (16 %).

... die Umweltauswirkungen auch

Die Umweltauswirkungen dieser vielen und zumeist sehr kurzen Autofahrten sind nicht zu vernachlässigen. Hier kann jeder einen sehr praktischen Beitrag für den Umwelt- und Klimaschutz leisten: Bei einem Schulweg von 2 Kilometern Länge und 200 Schultagen werden ca. 160 Kilogramm Kohlendioxid CO2 pro Schulkind im Jahr weniger in die Luft geblasen. Im Jahr 2000 stammten in Deutschland rund 22 % der C02-Emissionen aus dem motortisierten Individualverkehr. Während es in allen anderen Bereichen gelungen ist, den Ausstoss zu reduzieren, hat er im Straßenverkehr in den letzten 10 Jahren um 11 % zugenommen und konterkariert damit die Weltklima-Ziele der Bundesregierung.

Fazit

Die Problematik der Zunahme gerade der "kurzen Wege" im Stadtverkehr ist IDV-Lesern bekannt. Möglicherweise wird erst durch die Veröffentlichung der Wegezwecke "Holen und Bringen von Personen" aus der kontiv 2002 in der öffentlichen Diskussion ein Zusammenhang auch mit den Schulwegen herstellbar sein.

 

Dieser Beitrag von Bernd Herzog-Schlagk wurde dem InformationsDienst Verkehr IDV 72 vom September 2002 entnommen, jetzt mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung.

 

„Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ ist eine Gemeinschaftsaktion des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit BMU; Umweltbundesamtes UBA, Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen BMVBW; Bundesministeriums für Gesundheit und Soziales BMGS; Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMFSFJ und des FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland.

 

Dezember 2003