Liebe Eltern,

immer häufiger werden die Kinder mit dem Auto zum Kindergarten, zur Vorschule oder zur Grundschule gefahren. Der "gute Wille", die Kinder damit vor möglichen Verkehrsunfällen zu schützen, hat zahlreiche Nachteile für die Kinder, die wir leider auch teilweise im Unterricht bemerken. Sie haben bereits das kleine Lese- und Vorlese-Faltblatt für Eltern und Kinder zu diesem Thema erhalten. Ich möchte Ihnen darüber hinaus die damit zusammenhängende Problematik an fünf Beispielen von Erziehungs-Zielen erläutern und würde mich freuen, wenn wir darüber auch an einem Elternabend sprechen könnten.

 

  • Lernziel: Selbständigkeit und Selbstbewusstsein fördern.

 

Helfen Sie Ihrem Kind dabei, sich in der Umgebung zunehmend sicherer zurechtzufinden.

 

Zu Fuß gehende Kinder erleben nicht voneinander losgelöste Orte, sondern räumliche und soziale Verbindungen. Sie empfinden sich nicht als "hilfsbedürftige" Personen und können Ihr Selbstbewusstsein aufbauen. Im Auto werden Kinder an einer aktiven Problemlösung gehindert, sie werden nicht vor Aufgaben gestellt und sie können sich selbst auch keine Aufgaben stellen. Trotz aller Probleme für Fußgänger in Städten ist es für Kinder wichtig und grundlegend, sich das Gehen als ureigenes Mittel zum Überwinden von Distanzen anzugewöhnen.

 

  • Lernziel: Sozialverhalten und Teamfähigkeit aufbauen.

 

Geben Sie Ihrem Kind Kontakt- und Kommunikationsmöglichkeiten.

 

Mit Freunden zu Fuß zur Schule zu gehen, wirkt sich sehr positiv auf das Sozialverhalten und die psychische Entwicklung der Kinder aus. Mit anderen Eltern Gehgemeinschaften abzusprechen, ist übrigens auch häufig positiv für Ihre Beziehung zur Wohnumgebung. Im übrigen können sich Kinder, die ihre Schulkameraden erst in der Klasse treffen, nicht so schnell auf ihre Arbeit konzentrieren.

 

  • Lernziel: Grundlagen für die Lernfähigkeit schaffen.

 

Helfen Sie Ihrem Kind dabei, in Zusammenhängen denken zu lernen.

 

Ein zunehmendes Problem ist es, dass Stadtkinder oft gar nicht mehr lernen, die einfachsten Grundzusammenhänge zu erkennen. Sie merken gar nicht, wo der Kindergarten ist oder die Schule, können auch die nähere Umgebung der Wohnung kaum noch einschätzen. Was Wissenschaftler als "die Verinselung der Kindheit" bezeichnen, wirkt sich auch beim schulischen Lernen in völlig anderen Bereichen aus. So wurde zum Beispiel herausgefunden, dass Kinder mit einem "gestörten Raum-Gefühl" größere Schwierigkeiten bei der Erfassung mathematischer Zusammenhänge haben als andere Kinder.

 

  • Lernziel: Schulung der Motorik.

 

Helfen Sie Ihrem Kind dabei, das gesunde Verhältnis zum Körper und die Bewegungslust zu erhalten.

 

Es ist nicht klug, Kinder daran zu gewöhnen, Anstrengungen möglichst zu meiden. Eine im Auftrag des Bundesministeriums erstellte Untersuchung über die Gesundheit von Kindern in Kindergärten ergab eine erschreckende Bilanz: 60 Prozent der untersuchten Kinder hatten Haltungsschwächen -oder schäden, 30 Prozent Übergewicht, 40 Prozent litten unter einem schwachen Herz-Kreislauf-System und an etwa 35 Prozent mussten muskuläre Schwächen und Koordinierungsprobleme diagnostiziert werden.

 

  • Lernziel: Sicheres und bewusstes Verkehrsverhalten trainieren.
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    Helfen Sie Ihrem Kind jetzt, damit das Unfallrisiko längerfristig vermindert wird.

     

    Nur als Fußgänger können Kinder begreifen, welche Gefahren von anderen Verkehrsteilnehmer für sie ausgehen. Nur als Fußgänger können Kinder erfahren, wie leicht man sich selbst gefährden und wie man durch eigenes Verhalten zu einer Gefahr für andere werden kann. Das sind die Grundlagen für eine verantwortungsbewusste Verkehrsteilnahme, an der es heute vielen Jugendlichen und Erwachsenen mangelt.

     

    Sie erhöhen die Verkehrssicherheit Ihres Kindes keineswegs durch die Automitnahme. Zum einen wird damit das Risiko, als Fußgänger im Straßenverkehr zu verunglücken, lediglich um ein paar Jahre verschoben und erhöht sich sogar noch. Zum anderen sterben seit einigen Jahren die meisten Kinder als Mitfahrer im Auto. Das Thema Kinderverkehrssicherheit ist nach wie vor eines der ganz wesentlichen gesellschaftlichen Probleme in Deutschland. Die Kindergarten- und Schulwege bieten sich als Trainingswege an, um Erfahrungen und Fertigkeiten zu vermitteln, die die Kinder auch bei anderen Wegen sicherer machen.

     

    Erleben Sie und Ihre Kinder in den ersten Schulwochen gemeinsam, was auf dem Weg geschieht, anstatt daran vorbeizufahren.

     

    In der Regel werden Autofahr-Zeiten "schöngerechnet" und Fußwege als viel zu lang eingeschätzt. Das Einsteigen, Festgurten, Ausparken sowie die Parkplatzsuche und das Aussteigen werden nicht als Wegezeiten einberechnet. Prüfen Sie das und Sie werden sehen, wenn überhaupt, werden Sie lediglich ein wenig mehr Zeit einplanen müssen. Minuten, die für die Entwicklung des Kindes eine ganz wesentliche Bedeutung haben können.

     

    Sie sollten die Entscheidung, wie die Kindergarten- und Schulwege zurückgelegt werden, sehr bewusst treffen, im Sinne der Entwicklung Ihres Kindes.

     

    Wir verbleiben mit freundlichen Grüßen

     

    „Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ ist eine Gemeinschaftsaktion des Bundesmi-nisteriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit BMU; Umweltbundesamtes UBA, Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen BMVBW; Bundesministeriums für Gesundheit und Soziales BMGS; Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMFSFJ und des FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland.

     

    Dezember 2003