Es ist gut, dass in Deutschland über die Gesundheitspolitik gesprochen wird. Leider konzentriert sich die derzeitige Diskussion fast ausschließlich auf die Fragestellung, ob die Ärztinnen und Ärzte, die Krankenkassen, die alles fordernden Patienten, die Politiker oder möglicherweise sogar die Pharmaindustrie schuld sind an der nicht in den Griff zu bekommenden Kostenentwicklung im Gesundheitswesen. Das "Zauberwort" der Bundesgesundheitsministerin heißt: "Vorbeugung". Wir brauchen also ein "Präventionsgesetz"... und praktische Schritte.

Der Mensch ist anfällig

Einen zunehmenden Anteil seiner Gesundheits-Probleme aber schafft er sich selbst. Hier gilt es die verschiedensten Lebensbereiche unter die Lupe zu nehmen, und nicht nur die bereits bekannten Aspekte, wie z.B. das Rauchen, der Drogenkonsum oder übermässiges bzw. ungesundes Essen und Trinken. Ein weiteres nicht ganz unwesentliches Problem ist, dass mittlerweile der Mensch schon von Kindesbeinen an zu wenig läuft. Wo es ganz zwangsläufig zur Bewegung kommen würde, wird das Kind herumchauffiert. Kinder aber brauchen körperliche Mobilität für ein langes und weitestgehend gesundes Leben. Gesundheitsprävention:

Jeder Gang macht schlank

Im Frühjahr 2002 trat die Weltgesundheitsorganisation WHO mit der alarmierenden Information an die Öffentlichkeit: 2 Millionen Menschen sterben jährlich an den Folgen des Bewegungsmangels. In Deutschland hat sich die Zahl der übergewichtigen Schulanfänger in den letzten 10 Jahren verdoppelt. Eine im Auftrag der Bundesregierung erstellte Untersuchung untermauerte die These des Bewegungsmangels: 60 Prozent der untersuchten Kinder in Kindergärten hatten Haltungsschwächen oder -schäden, 30 Prozent Übergewicht, 40 Prozent litten unter einem schwachen Herz-Kreislauf-System und an etwa 35 Prozent mussten muskuläre Schwächen und Koordinierungsprobleme diagnostiziert werden. Gehen ist eine äußerst gesunde Bewegung. Selbst kurze Schulwege helfen den Kindern das Mindestmaß an täglicher Bewegung zu erreichen. Jeder Gang macht schlank, jeder Schritt macht fit.

Lebensfroh - sowieso

Lebensfrohe Kinder mit Durchblick und sozialen Kontakten haben auch bessere Voraussetzungen, gesund zu sein. Das zu Fuß zur Schule Gehen steigert das Konzentrationsvermögen, da durch die Bewegung beide Gehirnhälften optimal durchblutet und mit Sauerstoff versorgt werden. Es ermöglicht soziale Kontakte durch z.B. Gehgemeinschaften mit Mitschülern und führt zur besseren Ausgeglichenheit. Kinder brauchen von früh auf geistige und körperliche Mobilität, um eine lebensbejahende Grundauffassung zu stabilisieren als eine Voraussetzung für die psychische Gesundheit.

Ist Luft noch luftig?

Es gibt keinen Lebensbereich ohne ein "aber": Muss man seine Kinder nicht vor der schlechten Luft schützen und sie deshalb mit dem Auto zur Schule fahren? Die Luft im Auto ist häufig noch schlechter als auf dem Gehweg. Messungen ergaben im Vergleich zum Bürgersteig um ca. 40% bis 60 % höhere Kohlenmonoxid- und Stickstoff-Konzentrationen im Innenraum der Autos. Bessere Luft ist in den Städten nur durch die Reduzierung des Kfz-Verkehrs-Anteiles erreichbar; insbesondere durch Abbau der kurzen Auto-Fahrten wie sie die Schulwege in der Regel darstellen.

Leben ist lebensgefährlich

Gesund bleiben heißt auch unfallfrei zu leben. Deutschland nimmt weiterhin die traurige Spitzenposition in Europa hinsichtlich der Kinderunfallzahlen ein. Nach den polizeilichen Unfallstatistiken sind im Jahr 2000 allein 13 119 Grundschulkinder im Straßenverkehr verunglückt, 63 von ihnen starben an ihren Unfallverletzungen. Solche Meldungen erschrecken verständlicherweise die Eltern. Doch durch Autofahrten zur Schule sind die Kinder nicht vor Verkehrsunfällen zu schützen.

 

Nur als Fußgänger und Radfahrer können Kinder begreifen, welche Gefahren von anderen Verkehrsteilnehmern ausgehen. Nur so können sie erkennen, wie leicht man sich selbst gefährden und wie man durch eigenes Fehlverhalten zu einer Gefahr für andere werden kann.

 

Kinder werden durch das Zur-Schule-Gefahrenwerden nicht sicherer im Straßennverkehr. Das Unfallrisiko verschiebt sich lediglich auf die Zeiten, wo sie dann doch als Fußgänger am Straßenverkehr teilnehmen müssen. Schon heute liegt der Fußgängerunfall-Gipfel bei den neun- bis zehnjährigen und der Radfahrerunfall-Gipfel bei den zwölf- bis vierzehnjährigen; nämlich dann, wo sie ihre Radfahrerprüfung abgelegt haben und die Routine eintritt. Ein Zusammenhang, der auch bei jungen Autofahrern nachweisbar ist.

 

Darüber hinaus ist in den letzten Jahren der Anteil der als Mitfahrer im Auto verunglückten Grundschulkinder kontinuierlich gestiegen und lag im Jahr 2000 schon bei 32 %. Beinah 60 % aller getöteten Kinder bis 6 Jahre und 46 % aller Kinder zwischen 6 und 10 Jahren starben im Auto.

Fazit:

Fazit Hier trifft das schreckliche Wort „verschlimmbessern“ zu: Genau das machen Eltern, die für Ihre Kinder Gesundheit und Verkehrssicherheit wollen und nicht versuchen, dafür die besten Voraussetzungen zu schaffen. Vor dem Krankheits- und Unfall-Risiko kann niemand fliehen.

 

Dieser Beitrag von Bernd Herzog-Schlagk wurde aus dem Informationsdienst Verkehr IDV 72 vom September 2002 entnommen,
jetzt: mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung.

 

„Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ ist eine Gemeinschaftsaktion des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit BMU; Umweltbundesamtes UBA, Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen BMVBW; Bundesministeriums für Gesundheit und Soziales BMGS; Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMFSFJ und des FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland.

 

Dezember 2003