Es ist gut, dass in Deutschland über Bildung gesprochen wird. Leider konzentriert sich die derzeige Diskussion über die Pisa-Studie auf die eher ablenkende Fragestellung, ob die Lehrerinnen und Lehrer, die Institution Schule, die Eltern, die Politiker oder möglicherweise sogar die Wirtschaft schuld sind an der aufgedeckten Bildungs-Misere. Auch die Einengung auf die Benotungssysteme, auf bundesweit einheitliche Schulabschlüsse usw. ist fatal, denn bekanntlich beginnt der Bildungsweg eines Menschen mit seiner Geburt, wenn nicht sogar vorher. Und was hat das mit uns zu tun?

Wir haben keine Problemkinder

Leider machen wir unseren Kindern zunehmend Probleme. Hier gilt es die verschiedensten Lebensbereiche unter die Lupe zu nehmen, und nicht nur die bereits bekannten Aspekte, wie z.B. Fernsehkonsum und Computerspielzeiten. Ein weiteres nicht ganz unwesentliches Problem ist, dass unsere Stadtkinder immer weniger räumliche Zusammenhänge erkennen in denen sie leben, weil die Eltern sie überall und ständig herumchauffieren. Kinder brauchen von früh auf geistige und körperliche Mobilität, um eine lebensbejahende Grundauffassung zu stabilisieren, auch als Voraussetzung für den weiteren Bildungsweg.

Sich konzentrieren können

Es gibt sicher zahlreiche Ursachen dafür, dass zu viele Kinder in den ersten Klassen entweder noch nicht wach oder aber zappelig sind. Die "Morgenmuffel" werden von Mutter oder Vater ins Auto gestopft, dösen dort weiter und werden dann vor das Schultor "geschubst". Kinder mit Tatendrang am Morgen werden dagegen ins Auto "gesperrt", würden dort am liebsten vor Übermut ins Lenkrad greifen und können unmöglich danach stundenlang auf dem Stuhl sitzen. Für beide und auch für alle anderen ist dies der schlechteste aller möglichen Wege.

 

Bewegung vor dem Schulbeginn macht die Kinder wach und fit. Erfahrungen und Beobachtungen auf dem Schulweg, Gespräche mit Eltern oder Mitschülern sind der beste Start für eine konzentrierte und interessierte Teilnahme am Unterricht.

Lernen muss gelernt sein

Für das Lernen müssen möglichst viele Weichen "richtig" gestellt werden. Kinder, die ständig mit dem Auto transportiert werden, erkennen schwerer räumliche Zusammenhänge. Was Wissenschaftler als "Verinselung der Kindheit" bezeichnen, wirkt sich auch beim Lernen in anderen Bereichen aus. So wurde zum Beispiel herausgefunden, dass Kinder mit einem "gestörten Raum-Gefühl" größere Schwierigkeiten bei der Erfassung mathematischer Zusammenhänge haben als andere Kinder.

Bildung muss nicht er"fahren" werden

Bildung ist nicht nur abfragbares Wissen, sondern die Bereitschaft zum Weiterlernen und beinhaltet auch Selbständigkeit, Teamfähigkeit und Sozialverhalten. Alle diese Faktoren können durch Bewegung zu Fuß gefördert werden.

 

Kinder erleben zuerst durch ihre körperlichen Aktivitäten, dass sie selbst imstande sind, etwas zu leisten. Es erfüllt sie mit Freude und Zuversicht. "Auf eigenen Füßen stehen" ist ein wichtiges Ziel der kindlichen Entwicklung. Mit Freunden zu Fuß zur Schule zu gehen, wirkt sich positiv auf das Sozialverhalten und das Selbstbewusstsein aus.

 

Bildung heißt heutzutage auch, die Zukunft und unsere Umwelt einzubeziehen. Umweltbewusstsein und Umweltbildung haben in Deutschland einen hohen Stellenwert. Durch die eklatante Zunahme der tagtäglich mit dem Auto zur Schule gebrachten Kinder sind wir auf dem Weg, diese Chance für die Zukunft zu verspielen. Kinder sind umweltbewusst, sie gehen gerne, fahren gerne mit Bus, Bahn und dem Fahrrad. Sie wissen sehr früh um die Problematik von Umwelt und Auto. Deshalb ist eine umweltbewusste Verkehrsmittelwahl für sie logisch und wichtig.

 

Selbstverständlich bildet auch das Mitfahren im Auto. Das Kind erfährt so, dass die Mutter oder der Vater gerade "keine Zeit" hat für Gespräche, "sich konzentrieren muss auf diesen Blödmann da vorne", usw. Irgendwann schaltet das Kind ab, döst vor sich hin und fährt am Leben vorbei.

Fazit

Es ist schon erschreckend, mit welcher Ignoranz die Politiker aller Parteien derzeit um den heißen Brei der sogenannten Bildungsmisere herumreden. Ihnen fehlt offensichtlich die Grundbildung, dass Bildung kein eigenständiges Kapitel im Leben darstellt, sondern ein sich durch das Leben ziehendes Gewebe mit unterschiedlichsten Aspekten.

 

Dieser Beitrag von Bernd Herzog-Schlagk wurde aus dem Informationsdienst Verkehr IDV 72 vom September 2002 entnommen,
jetzt: mobilogisch! Zeitschrift für Ökologie, Politik und Bewegung.

 

„Zu Fuß zur Schule und zum Kindergarten“ ist eine Gemeinschaftsaktion des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit BMU; Umweltbundesamtes UBA, Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen BMVBW; Bundesministeriums für Gesundheit und Soziales BMGS; Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMFSFJ und des FUSS e.V. Fachverband Fußverkehr Deutschland.

 

Dezember 2003